Wer nach einer Haushaltsauflösung, einem Erbfall oder beim Ausräumen einer Sammlung auf Kunstwerke stößt, steht vor einer wichtigen Frage: Was ist das überhaupt wert? Gemälde, Grafiken, Skulpturen, Zeichnungen und andere Kunstgegenstände können einen erheblichen Marktwert haben - oder auch keinen. Die Kunstbewertung ist ein Fachgebiet, das Sachverstand, Marktkenntnis und manchmal wissenschaftliche Expertise erfordert. Dieser Artikel erklärt, wie die professionelle Bewertung von Kunstgegenständen abläuft, wo man seriöse Experten findet und wie man eine Einschätzung des Werts erhalten kann.
Wer bewertet Kunst professionell?
Für die professionelle Kunstbewertung gibt es verschiedene Anlaufstellen. Auktionshäuser wie Sotheby's, Christie's, Bonhams oder große deutsche Häuser wie Ketterer Kunst, Grisebach und Nagel bieten in der Regel kostenlose oder günstige Ersteinschätzungen an - vor allem, wenn Sie erwägen, das Werk zu versteigern. Kunsthändler und Galerien können ebenfalls erste Schätzungen geben, haben aber ein eigenes wirtschaftliches Interesse. Zertifizierte Kunstsachverständige und Gutachter, die Mitglieder im Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger (BVS) oder im Deutschen Sachverständigeninstitut (DESAG) sind, erstellen rechtssichere Gutachten. Museen können gelegentlich bei der Zuschreibung helfen, übernehmen aber keine Werteinschätzungen. Für Erbschafts- und Schenkungssteuerzwecke wird häufig ein offizielles Gutachten eines vereidigten Sachverständigen verlangt. Bei einer Nachlassbewertung mit Kunstgegenständen ist ein unabhängiger Gutachter die empfehlenswerte erste Anlaufstelle.
Was beeinflusst den Wert eines Kunstwerks?
Der Marktwert eines Kunstwerks hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Der bekannteste Faktor ist der Künstler: Werke von anerkannten und im Kunstmarkt etablierten Künstlern erzielen deutlich höhere Preise als Werke von Unbekannten oder Amateur-Künstlern. Die Provenienz - also die nachweisbare Herkunft und Besitzgeschichte eines Werks - ist entscheidend: Ein lückenloser Nachweis steigert den Wert erheblich, während eine unklare oder belastete Herkunft (etwa Raubkunst aus der NS-Zeit) den Wert stark mindert oder den Verkauf unmöglich macht. Der Zustand des Werks ist ebenfalls wichtig: Risse, Übermalungen, Restaurierungen und Feuchtigkeitsschäden reduzieren den Wert. Auch das Medium (Öl auf Leinwand, Aquarell, Druckgrafik, Skulptur) und das Format spielen eine Rolle. Bei Grafiken ist entscheidend, ob es sich um eine frühe, niedrig nummerierte Auflage handelt. Die aktuelle Marktsituation, Ausstellungsgeschichte und Publikationen über den Künstler beeinflussen ebenfalls den erzielbaren Preis. Bei einer Haushaltsauflösung mit Kunstgegenständen sollten Sie niemals pauschal Entscheidungen über Wert oder Wertlosigkeit treffen, bevor ein Fachmann geschaut hat.
Gemälde richtig identifizieren und zuschreiben
Bevor eine Werteinschätzung möglich ist, muss ein Gemälde oder Kunstwerk korrekt identifiziert und dem richtigen Künstler zugeschrieben werden. Signatur und Datierung sind dabei der erste Anhaltspunkt, aber nicht immer eindeutig: Signaturen können gefälscht, unleserlich oder dem Werk später hinzugefügt worden sein. Auf der Rückseite von Gemälden finden sich oft wertvolle Hinweise: Galerieaufkleber, Ausstellungszettel, alte Preisangaben und handschriftliche Notizen können die Herkunft klären. Stilistische Merkmale und Vergleiche mit anderen bekannten Werken helfen bei der Einordnung. Für wissenschaftliche Zuschreibungen werden manchmal auch technische Untersuchungen wie Infrarotreflektographie, Röntgenaufnahmen oder Materialanalysen eingesetzt. Kunsthistoriker und spezialisierte Archivare können Werke anhand von Ausstellungskatalogen, Werkverzeichnissen und Nachlassdokumentationen zuordnen. Gerade bei einem umfangreichen Bestand aus einer Wohnungsräumung lohnt sich eine systematische Dokumentation aller Werke vor dem ersten Expertenkontakt.
Online-Recherche und Datenbanken zur Erstorientierung
Für eine erste Orientierung ohne Expertenkosten stehen verschiedene Online-Ressourcen zur Verfügung. Auktionsdatenbanken wie artprice.com, liveauctioneers.com oder invaluable.com dokumentieren erzielte Verkaufspreise aus weltweiten Auktionen und geben einen ersten Eindruck, was ähnliche Werke tatsächlich erzielt haben. Beachten Sie: Auktionsergebnisse schwanken stark, und ein vor zehn Jahren erzielter Preis muss heute nicht mehr gelten. Die Datenbank des Deutschen Auktionspreisindex (DAPI) bietet ähnliche Informationen für den deutschen Markt. Suchmaschinen können helfen, einen Künstler einzuordnen und zu prüfen, ob er am Markt aktiv vertreten ist. Wikipedia und Kunstlexika wie das Allgemeine Künstlerlexikon (AKL) geben Hintergrundinformationen. Wichtig: Eine Online-Recherche ersetzt kein Gutachten und ist nicht ausreichend für rechtliche oder steuerliche Zwecke. Sie ist aber ein guter Ausgangspunkt, um zu entscheiden, ob sich der Aufwand einer professionellen Bewertung lohnt.
Provenienzforschung - Herkunft und Eigentumsgeschichte klären
Die Provenienz eines Kunstwerks ist heute wichtiger denn je. Besonders bei Werken, die sich vor 1945 in privatem Besitz befanden, sollte die Eigentumsgeschichte sorgfältig geprüft werden. Während der NS-Zeit wurde Kunst in großem Umfang von jüdischen Eigentümern enteignet, geraubt oder zu Zwangspreisen verkauft. Die Grundsätze der Washingtoner Konferenz von 1998 verpflichten Staaten und Museen, Raubkunst zu identifizieren und an die Eigentümer oder ihre Nachkommen zurückzugeben. Auch für Privatpersonen gilt: Wer ein Werk verkauft, das als NS-Raubkunst identifiziert wird, muss mit Rückforderungen rechnen. Datenbanken wie die Lost Art-Datenbank der Koordinierungsstelle Magdeburg, die ERR-Datenbank und das Art Loss Register helfen bei der Prüfung, ob ein Werk als vermisst oder geraubt gemeldet ist. Eine professionelle Provenienzforschung kann teuer und zeitaufwendig sein, ist aber bei Werken mit unklarer Herkunft unbedingt empfehlenswert, bevor ein Verkauf stattfindet.
Kunstgegenstände transportieren und versichern
Für den Transport von Kunstgegenständen zu Gutachtern, Auktionshäusern oder Ausstellungen ist besondere Sorgfalt erforderlich. Gemälde sollten nie unverpackt transportiert werden - spezielles Verpackungsmaterial mit säurefreien Materialien und weichen Schutzhüllen ist unverzichtbar. Bei wertvollen Werken empfiehlt sich ein spezialisierter Kunstspediteur, der Erfahrung mit dem sachgerechten Transport hat. Für die Versicherung von Kunstgegenständen während des Transports und in der eigenen Wohnung gibt es spezielle Kunstversicherungen. Eine normale Hausratversicherung deckt Kunstgegenstände nur bis zu einem bestimmten Betrag ab, was bei wertvollen Objekten nicht ausreicht. Lassen Sie Kunstgegenstände, die Sie neu erworben haben oder deren Wert Sie kennen, von einem Experten schätzen und entsprechend versichern. Bei einer Kellerräumung oder Lagerung sollten Kunstgegenstände nicht in feuchten, kalten oder extremen Temperaturbedingungen aufbewahrt werden, da dies zu irreversiblen Schäden führt.
Kunst verkaufen - Auktionshaus, Händler oder Privatverkauf?
Für den Verkauf von Kunstgegenständen gibt es verschiedene Wege. Auktionshäuser erzielen bei bekannten Künstlern oft die besten Preise, verlangen aber eine Provision (in der Regel 20-30 Prozent vom Hammerpreis) und nehmen nicht jeden Auftrag an. Kunsthändler kaufen direkt an, bieten aber in der Regel nur einen Bruchteil des potenziellen Auktionserlöses. Online-Auktionsplattformen wie Artsy, Catawiki oder spezialisierte Kunstauktionen erlauben auch privaten Anbietern den Zugang zu einem breiten Käufermarkt. Für Druckgrafiken, Zeichnungen und Werke von weniger bekannten Künstlern können Flohrmärkte, Secondhandläden für Kunst oder lokale Galerien geeignete Verkaufswege sein. Bei einem Privatverkauf trägt der Verkäufer das gesamte Risiko in Bezug auf Echtheit und Zustand. Für hochwertige Werke ist der Weg über ein renoommiertes Auktionshaus trotz der Provision oft am transparentesten und sichersten - sowohl für Käufer als auch für Verkäufer.
Fazit
Die Kunstbewertung ist ein komplexes Fachgebiet, das Sachverstand und Marktkenntnisse erfordert. Vor dem Verkauf, der Schenkung oder der Entsorgung von Kunstgegenständen lohnt sich immer eine professionelle Einschätzung - denn was auf den ersten Blick unscheinbar wirkt, kann einen erheblichen Wert haben. Auktionshäuser, zertifizierte Gutachter und spezialisierte Datenbanken sind die richtigen Anlaufstellen. Und bei Werken mit unklarer Herkunft aus der Zeit vor 1945 ist eine Provenienzrecherche unverzichtbar. Mit dem richtigen Vorgehen lässt sich der Wert eines Kunstnachlasses sichern und angemessen realisieren.


